K A T J A S W E L T
29.11.03
Howie in Concert

LKWs sagen mehr als 1000 Worte, siehe die „Lustigen Musikanten“. Das Equipment von Howard Carpendale reist mit „Rock´n´Roll Trucking“!

Es ist das Saarbrücker Konzert seiner Abschiedstournee, gestern abend in der Saarlandhalle. Ausverkauft. Endlich. Mal wieder. Mag sich Howie gedacht haben.

Im Foyer gibt es, hallo, eine Plakat-Ausstellung! Drei Stellwände mit plastiküberzogenen Plakaten aus der langen, langen Carpendale-Karriere (auf den Tour-Shirts steht „HC 66/03“). Der Mann neben mir versucht eine der Autogrammkarten, die unten auf die Stellwände getackert sind, abzukratzen. Geht nicht. Diebstahlsicher.

Dieses Plakat gehört nicht zur Ausstellung, es ist neu und wirbt Kartenkäufer: „Mein letztes Zusatzkonzert“. Ich könnt mir in den Hintern beißen, dass ich keine Kamera dabei hab.

Dann sitzen wir. Rang Mitte. Mittig in jeder Hinsicht. Vor mir Damen über 40 mit sturmsicher gesprayten Haaren. Ich weiß, dass ich genauso zugesprayt bin und hoffe inständig, dass man es mir wenigstens nicht so ansieht. Mit der Asbach-Fahne des Mannes hinter mir muss ich die nächsten drei Stunden leben.

Dann geht es los. Licht aus. Sternenhimmel an. Und aus dem Off die Stimme eines Märchenonkels, die die großartigen Erfolge von Howie herbetet. Zum Schluß ein Ausschnitt aus der Kerner-Show, wo Howie himself seinen Rückzug ankündigt. Seine Worte „Der richtige Moment“ verhallen mit viel Echo. Gleich springt der Motivationstrainer auf die Bühne und predigt uns unbegrenzte Möglichkeiten. Aber nein. Meine Sitznachbarin deutet schon auf den Fanclub im Parkett, der erwartungsvoll Spalier steht. Und tatsächlich. Da kommt Howard Carpendale und teilt das Meer. Umgeben von Leibwächtern marschiert er wie ein Boxer vorm Kampf mitten durch die Fans. Und rauf auf die Bühne. Die ersten Worte von „Nachts, wenn alles schläft“. Ich bin glücklich. Und es dauert noch eine ganze Weile, bis die Gänsehaut weggeht.

Nur der Sound ist breiig und Carpendales Stimme manchmal schlecht zu hören. Der Mann am Mischpult kriegt später keinen Applaus von mir. Aber die Band, die ist gut. Und der Chor aus drei jungen Herren. Und Joachim Horn-Bernges, Howie-Alter Ego und genialer Songtexter. Er darf sogar drei Lieder mit dem Meister singen, und die sind gottseidank irgendwann rum. Man muss seine Freunde auch mal vor sich selbst schützen. Trotzdem, ein magischer Moment: als Howard Carpendale sagt, Horn-Bernges habe mal das Intro zu einem seiner Lieder gesungen, und das sei berühmter geworden als der Refrain. Dann singt Joachim Horn-Bernges die ersten Töne von „Hello Again“, und unten im Saal gibt’s die Domino-Ralley rückwärts: alles steht. Ich sitz oben und merke, dass ich einen Massengeschmack habe.

Dann gibt´s erstmal Stücke aus dem aktuellen Album „Der richtige Moment“, viele davon sehr ruhig. Aber auch „Jede Farbe ist schön“, „Titanic“, „Samstag Nacht“ und Cover-Versionen wie „Sorry seems to be the hardest word“. Der ein oder andere hohe Ton mag leicht daneben sein, aber insgesamt ist Howie gut bei Stimme.

Das Konzert am Abend vorher in Hamburg hat er absagen müssen. Erkältung, gesundgespritzt, blabla. Dass es, wie er sagt, „Horror“ gewesen wäre, ausgerechnet das Saarbrücker Konzert platzen lassen zu müssen, würd ich ihm gern abkaufen. Kann ich aber nicht. Ich hab ihn zwei Monate vorher interviewt und mir mürrische Lamenti über nicht ausverkaufte Saarlandhallen anhören müssen. Und die vorwurfsvolle Frage, was wir beim Radio denn machen würden?? Und ich hab mühevolle Stunden mit dem Schneiden von Howie-O-Tönen verbracht, die zur Hälfte unsendbar waren. Oder soll ich unseren Hörern mitteilen lassen, dass er „Das schöne Mädchen von Seite 1“ noch nie mochte und nur gesungen hat, um einen Schlagerwettbewerb zu gewinnen? Dass „Nimm den nächsten Zug“ ein harmloses Liedchen ist, das er nicht besonders schätzt? Dass „Mit viel, viel Herz“ „gescheitert“ ist, weil niemand die Schlager-Selbstironie verstanden hat? Der Tonfall sagt: Verachtung.

Nein, die Abschiedsrede geht mir nicht unter die Haut. Ich hab auch immer noch nicht kapiert, warum ein Mann mit 57 abtritt, dessen Fähigkeiten ihn auch in 20 Jahren noch einen tollen Entertainer sein ließen. Und der auch bei seinen alten Liedern nicht albern wirkt, mögen sie vor Selbstmitleid und Pathos noch so triefen. Es ist seine sparsame Gestik, die typisch angebeugte Carpendale-Haltung und die dünne, zittrige Stimme, die ihre eigene Aura hat. Aus Lässigkeit und Melancholie. Und irgendwie ist Howie ein Leiser.

Nein, mein Lieblingsmoment ist, als die Zuschauer „Dann geh doch“ fast im Alleingang singen. Und Carpendale sich freut, dass auch die „angeblich von ihren Frauen mitgeschleppten“ Herren den Refrain beherrschen. Schnell noch dem Bähr ein T-Shirt gekauft. Traurig, dass er geht, allemal. Also, der Carpendale.