Ich darf den Meister interviewen. Die graue Eminenz des deutschen Liedguts. Den Godfather of Schlagermoderation. Den Conférencier des Studio 1 der Berliner Unionfilm. Den Dieter. Den Thomas. Den Heck. Die erste Frage an ihn muss einfach lauten: wie teuer haben Sie Ihre Stimme versichert? Sie muss!
Ach, ist das herrlich. Wir Zuschauer von Trash-Sendungen wie Ich bin ein Star. Holt mich hier raus“ gucken so was ja – laut Medienpsychologe Dr. Dr. Roger Willemsen – wegen des Überlegenheitsgefühls. Wir wollen uns als etwas Besseres fühlen. Besser als Daniel Küblböck. Besser als Dustin Semmelrogge. Besser als Werner Böhm. Besser als Costa Cordalis. Dieses Ziel haben die allermeisten schon vor Beginn der Sendung erreicht, wissen es aber möglicherweise nicht.
Nein, wirklich schön ist es, zu merken, dass man über mehr Medienkompetenz verfügt als zum Beispiel Lisa Fitz und Caroline Beil. Und das merkt man erst in den Zweitverwertungssendungen NACH der Show. Dann hört man Caroline Beil so was sagen wie Ich dachte nicht, dass die uns dahinten auch noch filmen können“. Und Lisa Fitz sinngemäß: Ich bin enttäuscht, dass RTL doch gesendet hat, wie wir feststellen, dass jemand ins Camp geschissen haben muss. Dabei hatte ich schriftlich darum gebeten, dass das nicht gezeigt wird.“
Bei Superstar-Küken Judith hat man ja noch Mitleid, wenn sie sich beschwert, dass RTL aus ihrem Interview nur die Lästereien über die restlichen Kandidaten gezeigt hat. Wo sie doch auch so viel Nettes gesagt habe. Aber Judith ist auch erst Siebzehn…
Oh mein Gott, ich hab eine neue Lieblingssendung: Einsatz in vier Wänden“. Läuft vormittags auf RTL und dauert nur eine halbe Stunde. Aber in dieser halben Stunde wird ein beliebiges bundesdeutsches Zimmer leergeräumt, gestrichen, neu eingerichtet und dekoriert. Echt wahr.
Der halbe Spaß an der Sendung ist für mich, auszurechnen, wie lang wohl die Dreharbeiten für eine Folge dauern. Und wie weh es tut, das alles am Schneidetisch auf 27 Minuten einzudampfen.
Die übrige Zeit stell ich mir vor, wie ich Moderatorin Tine Wittler als Geisel nehm und solange festhalte, bis meine ganze Wohnung neu gestylt ist. Vor allem das Zimmer des Chefredakteurs hätte es nötig.
Und dann hab ich noch eine Idee für eine neue Fernsehsendung: sie ist ein Sequel von Einsatz in vier Wänden“ und heisst Ein halbes Jahr danach“. Überfallartig werde ich bei früheren Kandidaten von Einsatz in vier Wänden“ vor der Tür stehen und mir zeigen lassen, ob ihr Wohn-, Schlaf- oder Kinderzimmer schon wieder so zugemüllt und verunstaltet ist wie vor der Überarbeitung. Genauso wie ich mir ein Sequel von Mein Baby“ wünsche. Es heisst Drei Wochen danach“ und zeigt Mütter mit Augenringen und vollgekotzten T-Shirts.
Armer Klaus Voorman. Das hat er nicht verdient. Der Bassist, Graphiker und Beatles-Freund aus Hamburger Tagen ist zu Gast im Radio. Er hat ein Buch über die Beatles geschrieben, und jetzt darf er Hörerfragen in einer Büchersendung beantworten. Die Hörer nutzen erwartungsgemäß die Chance, mit diesem interessanten, facettenreichen Künstler zu sprechen. Und stellen solch intelligente Fragen wie: Warum hat Ringo als einziger Beatles einen Künstlernamen? Darauf muss man erstmal kommen.
Heute will ich mal wieder etwas anprangern, und zwar einen Songtext von Howard Carpendale. Dummerweise ist es der Text zu meinem Carpendale-Lieblingslied, aber das ist nur eine kleine, persönliche Tragik, die Euch nicht weiter zu kümmern hat.
Es geht um das Lied Wie frei willst Du sein“, die deutsche Version von Forse“, aus dem Jahr ´79. Kennt Ihr noch? Herrliche Melodie, und in der Carpendale-Version noch dreimal besser arrangiert als das Original. Eine folkige Gitarren-Ballade, die einfach den Flow hat. Aber ich wollte ja was zum Text sagen. Der ist einerseits toll gemacht: plätschernd und leichtfüßig, obwohl man gleichzeitig denkt Ach, was für ein melancholisches Lied über ein sich auseinanderlebendes Paar.“ Aber dann hört man mal genauer hin, was man da so mitsummt. Und bemerkt das ätzende Gift schlimmster Frauenfeindlichkeit, wie sie nur Ende der 70er gären konnte, unter dem Deckmantel romantischer Zweisamkeit.
Und so geht´s los:
Zusammenzuleben und doch frei zu sein.
Das wolltest du haben, und ich ging darauf ein.
Klingt harmlos, aber man ahnt schon die promiske Partnerin, die dem gutmütigen Song-Ich das Leben schwer macht.
Du hast dir einen neuen Kreis gefunden,
und bist mit fremden Menschen viele Stunden.
Hm?
Du fragst mich nicht, wie ich die Zeit verbringe
Äh, mit Sportschau-Gucken und Zeitunglesen?
und wenn du gehst, sagst du mir nicht wohin.
Naja, okay: zur Arbeit, zum Frisör, zu Freundinnen.
Du willst dich selber finden, dich entfalten
Doch, ja.
Du willst dein eignes Leben selbst gestalten.
Ja genau, und exakt das ist offenbar das angeprangerte Partnerschaftsverbrechen! Sie will doch tatsächlich über ihr eigenes Leben bestimmen!
Ja, zählen für dich nur noch diese Dinge?
Wie hat dann ein Zusammensein noch Sinn?
Dann GEH DOCH!!!!!
Du weißt, ich brauch dich.
Du weißt, ich mag dich.
Du weißt, ich lieb dich.
Ohne dich will ich nicht sein.
Das ist er, der finale Versuch! Emotionale Erpressung, mündend in die – endliche mal wahre – Aussage, dass ER hier etwas nicht will!
Warum ich mich so aufreg? Weil es in Songform genau das ist, was Männer ihren Frauen gesagt haben, als die Ende der 70er anfingen, in Frauen-, Yoga- und Töpferkurse zu gehen. Das gab Gemecker, Eifersuchtsszenen und Schlimmeres. Der Kleine Unterschied“ ist voll von solchen Schilderungen, und die Erzählungen meiner Verwandtinnen leider auch. Und fast hätt man´s nicht gemerkt, fast!!! Dass der nette Herr Carpendale hier dem Chauvinismus das Wort redet, ach was, singt, aber… hach, so schön wie kein anderer: Du frahgst misch niescht, wie iesch die Zait värbringe… Ja, es bleibt mein Lieblingssong von ihm, aber, hey: es ist ein Song mit einem beschissen frauenfeindlichen Text, der sich wie Schluckimpfung auf Zucker ins Hörerhirn mogeln soll. Ich hoffe, das Gericht erkennt auf Vorsatz. Und locht ihn ein.
Auch nach sovielen Jahren Traumschiff-Guckens ist eine Frage immer noch unbeantwortet. Am Ende jeder Folge, wenn das große Abschluss-Dinner stattfindet und die Ober die Eisbomben mit den vielen Wunderkerzen reintragen – ist das immer die gleiche Aufnahme oder wird das jedes Mal neu gedreht? Erinnert mich übrigens wahnsinnig an den Musikantenstadl, wenn die Trachtengruppen einmarschieren. Fehlt nur noch, dass die Schiffskellner mit der freien Hand winken und statt James Last das Trompetenecho erklingt.