Der Mann auf der Bühne ist ein Leichtgewicht. Ein Junge von Mitte 60, nicht unsympathisch, aber ohne große Ausstrahlung. Und vor allem ist er keine Rampensau. Er tritt freundlich ins Licht, zappelt rhythmisch zu den Klängen seiner Band. Und schwingt ansehnlich mit seiner umgehängten Gitarre. Der Mann ist Peter Kraus.
Einen Rock´n´Roll-Klassiker nach dem anderen schrammelt er herunter. Nach dem vierten oder fünften gibt´s die erste Ansage: Wir freuen uns, dass ihr hier seid. Wir freuen uns doch, oder? Blick zur Band. Jaja, wir freuen uns. Weiter geht´s: Noch mehr Rock´n´Roll-Klassiker, während im Hintergrund auf die Leinwand projizierte Bilder an die wilden 50er erinnern. Schon der Beginn des Konzerts sollte unterhaltsames Unbehagen verbreiten: knisternde, ramponierte schwarz-weiß-Filme. Alte Wochenschauen, die noch mal reinbeamen sollen in die Zeit der jungen Bürgerschrecks mit ihren ruppigen Klängen.
Was auf der Bühne der Saarbrücker Congresshalle tatsächlich stattfindet, hat Caféhaus-Format. Aufgepeppte Schlager,
von Kraus beherzt, von der Band eher routiniert aufgeführt. Man sehnt sich nach Götz Alsmann und seinem missioniarischen, Funken schlagenden Wahnsinn. Nach Brian Setzer, Robbie Williams, den Ace Cats. Bloß weg von hier.
Weg von dem Mann, der gebetsmühlenartig in seinen spärlichen Ansagen das Feuer des Rock´n´Roll beschwört. Der sich mit begrenzten vokalen Mitteln an Liedern wie dem Rythm of the falling rain“ und Wake me up before you gogo“ abmüht. Der die einstigen Leuchtmarken dreckiger, feuriger Kraft mit süßem Mittelmaß durchtränkt. Begleitet von rhythmisch flackerndem Saallicht, das dem Auftritt das letzte Quentchen Intimität raubt. Die einzige Dame, die sich die beständige Anrufung des Rock´n´Roll-Feuers zu Herzen nimmt und – onduliert, im Chanel-Look-a-like-Jäckchen – tatsächlich aufsteht und die Songs klatschend begleiten will, wird vom Ordner gebeten, sich doch wieder hinzusetzen.
Einzig bei Kraus´ eigenen alten Schlagern entsteht im Publikum so was wie echte Begeisterung. Hier wirkt er authentisch und nicht wie ein fehlbesetzer Alleinunterhalter. Wenn Teenager träumen“, So wie ein Tiger“ – hier frisst sich tatsächlich eine Art Lunte von der Bühne runter ins Parkett. Aber ein kurzer Aufsager, in dem Peter Kraus sich mit völlig verunglücktem Hüftschwung als Elvis Presley geriert und freut, dass er an der Durchsetzung des Rock´n´Roll in Deutschland nicht ganz unbeteiligt“ war, geben mir den Rest.
Schon bei einer der Krausschen Neukompositionen war ich kurz davor, meine Sachen zu packen. Ein schamlos kommerzieller Aufguss alter Fifties-Klischees, textlich versehen mit zusammengeklaubten Slogans wie It´s only Rock´n´Roll but I like it“, gegen den Dieter Bohlen wie ein Waisenjunge wirkt… Über die zweite Hälfte des Konzerts kann ich tatsächlich nichts mehr sagen. Das Fernsehprogramm zu Hause war einfach attraktiver.
Ich hätt gern ein T-Shirt“, sagt die Dame, die sich aufgeregt an den Stand drängt. Welche Farbe? Wir haben Hellblau, Weiß und Beige“, antwortet die resolute Verkäuferin. Dann nehm ich Orange.“ Neulich, am Merchandising-Stand der Flippers…
Nein, so sind nicht alle Feeeeens. Und nicht alle brauchen das T-Shirt in XXL. Aber die meisten. Leider haben sie auch schon alle Plastik-Delfine am flackernden Plastik-Stiel aufgekauft, als ich in die prall gefüllte Saarlandhalle dazustoße. Nach zehnminütigem Fußmarsch, da mein Auto jetzt in einer Straße steht, die ich schon gar nicht mehr zu Saarbrücken gehörig glaubte. Bin trotzdem guter Dinge, da ich mich schon an das Konzert der Kastelruther Spatzen in der selben Halle sehr gern erinnere. Und jetzt, so hoffe ich, bewegen sich die Gestalten auf der Bühne vielleicht sogar.
Und wie! Und die Feeeens mit ihnen. Immer, immer wieder“ haut als Opener gleich gut rein: die ganze Halle steht und klatscht. Während des Applauses: erschöpftes Hinsetzten. Aber, zack: schon der nächste Titel ist Isabella“: wieder hoch, stehen, klatschen. Und so geht das den größten Teil des Konzertes. Wenn die Fans nicht – wie im letzten Viertel der Show“ kollektiv an die Bühne drängen, um ihren Lieblingen so nah wie möglich zu sein. Oder wenn sie, wie nach dem zweiten Lied, ihre Präsent-Tütchen, Bonbonnieren, Flaschen, Laubsäge-Arbeiten und einfach alles, was sich in Zellphan wickeln lässt, zur Bühne tragen. Das Bühnenbild – eine große Leinwand zwischen einem Papp-Leuchtturm und einem Papp-Kreuzfahrtschiff sieht jetzt aus wie ein Flohmarkt.
Olaf, Bernd und Manfred sind direkt aus ihrer badischen Heimat Knittlingen angereist und stehen gutgelaunt auf der Bühne. Ungewohnter Weise aber nicht in ihren Primärfarben-Sakkos, sondern in einem Alptraum aus Pailletten und Lametta, der selbst Liberace neidisch gemacht hätte. Olaf, der Gitarrist mit dem Swing in den elastischen Gliedern. Bernd, der auftoupierte Bassist mit der Engelsstimme. Und Manfred. Der ab und zu wie ein fleischgewordener Duracell-Hase auf seine zwei Kochplatten einhaut. Etwas verdunkelt, im Hintergrund der Bühne: zwei Keyboarder und ein Drummer mit ernstzunehmendem Drumkit. Ach so“, wird später der Chefredakteur sagen: Hinten die Musiker. Vorne: die Flippers.“
Die allerdings wissen, wie man die Feeeens am Kochen hält: durch überdurchschnittlich häufige Nennung des Wortes Mallorca“ (Stellt Euch mal vor, Ihr wärt am Strand.“ Olaf schließt die Augen und seufzt ein tiefes Mhhhhhhh“…), durch ihre geschmeidigen Ufftata-Songs (Dann macht es Bumm Bumm Bumm, Bänge-Bumm Bumm Bumm, ich hab ein Herz aus Schoko-laaaa-de“) und schlüpfrig-amüsante Ansagen. Diese drei Herren, die immer noch soviel Provinz-Mief ausstrahlen, dass man suchend nach der Frau mit den Tombola-Losen Ausschau hält, haben die über viertausend Leute im Saal fest und scheinbar spielend im Griff. Sie machen ihre Sache klasse! Das jahrelange Tingeltangel, nach dem sie jedes Festzelt beim Vornamen kennen, zahlt sich aus. Schließlich ist das die Show zum 35jährigen Jubiläum. Und die bedeutet: drei Stunden souveräner, sympathischer Fun. Mit der Roten Sonne von Barbados“, dem Mädchen von Capri“, dem Kleinen Floh in meinem Herzen“ und natürlich: der Kleinen Eva“.
Angefüllt mit Synthie-Kaskaden und Traumstrand-Bildern von der Leinwand strömen die Fans am Ende des Abends wieder nach Hause. Vergesst nie“, hat ihnen Bernd beim großen Finale noch mit auf den Weg gerufen: Wir lieben Euch.“ Das hätte es vermutlich gar nicht mehr gebraucht. Auf dem Weg zum Ausgang berichtet hinter mir eine Frau begeistert ihrer Begleitung: Der ganze Stress der letzten Woche ist weg. Einfach abgefallen, einfach weggetanzt“.