K A T J A S W E L T
28.04.05

Nana M.

Taschentuchalarm. Das halbe Konzert möchte ich einfach nur heulen. Schuld ist eine helle Gestalt mit dunklen Haaren auf der Bühne – bei der ich doch eben noch mein Programmheft gekauft hab, oder? Bin jedenfalls furchtbar erschrocken, als ich im Foyer die Frau mit den Heften anrief, und sich eine Gestalt mit schulterlangem Madonnenhaar und schwarzer Hornbrille umdrehte. Mit offenstehendem Mund hab ich mein Heft gezahlt und mir gesagt, dass es wohl doch die Hartz IV-Ausgabe der Hauptperson ist.

„Ach, Nana Mouskouri“, wird meine Mutter später sagen, „gibt´s die noch?“ „Ja“, werde ich antworten, „die ist jetzt 70.“ Und auf Abschiedstournee. Keine Ahnung, was sie – Nana, nicht meine Mutter – mit mir anstellt, aber es geht ganz tief rein: in Schichten, die weder die Flippers noch die Ärzte noch Wiglaf Droste je erobert haben. Noch nichtmal James Last. Vielleicht muss man dafür besonders hoch singen können. Aber ich schätze, dass auch Jimi Sommerville an meiner Heul-Schwelle abrupt ausgebremst worden wäre. Testen konnten wir das beide nicht. Denn das Frankfurter Konzert wurde damals im letzten Moment abgesagt, und um den Nachfolgetermin hab ich mich nicht mehr gekümmert.

Es ist vermutlich alles zusammen, was mir im Baden Badener Festspielhaus die Kehle zuschnürt: diese wundervolle ätherische Stimme, das alterslose Mädchen, das Ungekünstelte schlechthin. Bei jedem Blumenstrauß, der ihr gereicht wird, fasst sie sich tief bewegt ans Herz. Ich möchte noch mehr heulen. Mit wie zum Gebet zusammengehaltenen Dürer-Händen und strengem Blick versucht sie nebenbei, unbotmäßige Privat-Fotographen in ihre Schranken zu weisen. Das hat Klasse, das hat Nana-Stil. Und dann geht´s los.

Jazz, Folklore, Filmsongs – das Mouskouri-Repertoire ist groß und bunt. Mühelos trifft sie ihre Töne – allenfalls am Anfang, beim rauchig-schleppenden Jazz, rutschen manche einen Tick zu seitwärts. Aber wo, wenn nicht beim Jazz, darf das. Es kommt bekanntlich auf den Ausdruck an, nä? Auf Griechisch, Englisch, Französisch singt sie – und anders als, sagen wir mal, bei Milva, hat man tatsächlich das Gefühl: sie versteht jedes von ihr gesungene Wort.

Sicher, auch die deutschen Klassiker sind dabei. Sämtliche Rosen, weiße und schwarze. Aus Athen oder zu siebt. Der Sonnenschein, die Provence, eine Welt voll Licht, selbstgeschriebenes Liebeslied – nichts fehlt. Und auch, wenn die Hingabe bleibt: ein bisschen hastig pflügt sie doch durch die alten Schlager-Smash-Hits. Immer ihre kleine Band an der Seite, die gottlob nur selten pappige Synthie-Teppiche ausrollt. Das meiste darf mit schlichtem Arrangement und ohne Kleister.

Die Frau im Sitz neben mir ist um die 50, drückt mit mir gemeinsam den Altersschnitt im Publikum ganz kräftig. Während sie die Hits mitsingt, füllt ihr Mann die Pausen zwischen den Liedern mit Uuuh- und Bravo-Rufen. Ich bin verblüfft: la Mouskouri wird von Frauen und Männern gleichermaßen und eifersuchtslos geliebt. Die Bravo-Rufe ertönen aus unzähligen Fankurven. Die Legende hat das Festspielhaus fest im Griff – und scheinbar mühelos: denn große Gesten gibt´s bei der Mouskouri nicht. Sie steht, manchmal: sitzt, einfach auf der Bühne und singt. Ansagen haben Seltenheitswert – trotz ihres hervorragenden Deutschs. Egal. Nach der Pause sitzt ein neues Paar neben mir: Sitzplatz-Sharing, vermute ich. Rotationsprinzip, Sie wissen schon… Traue mich aber nicht, zu fragen. Meine Tränendrüsen haben sich jetzt besser im Griff. Neben mir wird weder gebrüllt noch mitgesungen. Wie schön. Und weil ich trotz halbjährigen Kartenkauf-Vorlaufs, will sagen: freier Platzwahl in High-End-Kategorie, unverständlicherweise für Reihe 18 gebucht hatte, wird mir Nana Mouskouri auch auf ewig alters- und faltenlos in Erinnerung bleiben. Viel sehen kann ich von dort nämlich nicht. Wie gesagt: eine helle Gestalt mit dunklen Haaren und wundervoller Stimme. Ja, ich denke schon, dass es Nana Mouskouri war. Sie klang jedenfalls so.

20.04.05

Bonn

„Politgroupie“, spottet der Chefredakteur, als ich vor dem Stahlzaun stehe und den Flachbau betrachte. Zwei Flachbauten, genauer gesagt. Ein großer, weiter hinten. Und ein kleiner, weiter vorn. Eher eine Art Pförtnerhaus, in dem immer noch Herren über das Rolltor wachen, das den Weg zu den zwei schwarzen Klötzen freigeben soll. In meinem Kopf schwirrt ein ganz anderes Wort. Das einzige, das einem an diesem Ort, vor diesen Klötzen und dem Zaun stehend, einfallen kann: Krisenstab. Mit vielen I´s: Kriiiiiiiiiiiiiiiisenstab. Hier hat er getagt, im heißen Herbst 1977, zwischen Zigarettenschwaden und Cola-Gebizzel. Denn dies hier ist das alte Kanzleramt. In Bonn am Rhein.

An diesem Nachmittag im April 2005 sieht´s allerdings eher aus, als wäre Schichtwechsel bei irgendeiner Wurst- oder Schraubenfabrik. Männer in Jeans und Anoraks strömen mit ihren Arbeitstaschen aus dem Rolltor heraus. Wie Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums sehen sie nicht gerade aus – auch wenn das große Baustellenschild verkündet, dass das MWZ (oder so) hier gerade baut. Ach so: vielleicht sind es auch die Bauarbeiter. Das käme hin.

Egal. Die haben´s gut. Die sind einem weiteren Flachbau ganz nahe, den ich vor der Reise verzweifelt versucht habe, im Internet zu orten. Erfolglos, übrigens. Und dass er hier auf dem gleichen Gelände ist, erfahre ich erst viel zu spät: der Kanzlerbungalow. Mein Traumhaus. Bauhausstil, Barcelona-Pavillon, Sep Ruf. Das Haus der Geschichte hat ihn sich gerade angeeignet und wird ihn irgendwann auch öffnen. Aber nur für Gruppen.

Also weiter. An einem diesigen Dienstagnachmittag, im Epizentrum der Langeweile. Zumindest optisch: denn diese zwei, drei Ministraßen sehen – außer den auffälligen Baulücken – aus wie das klassische Wohnviertel, in dem pubertierende Insassen nur auf den nächsten Hofgang und die Gelegenheit zur Flucht warten können. Aber hier haben ja keine Pubertierende gewohnt. In den Baulücken der Dahlmannstraße standen mal die Korrespondentenbüros der Zeitungen und Fernsehsender. Die Deutsche Welle ist immerhin noch da, um die Ecke. Und der Gebäudeschlauch in der Parallelstraße, gegenüber eines pittoresken, wie aus den 60ern übriggebliebenen Kiosks, das ist von links nach rechts: Bundesrat, alter Bundestag, neuer – mittlerweile auch längst veralteter Bundestag. Der immerhin ist jetzt ein Kongresszentrum, für Besucher nur wochenends geöffnet. Der freundliche Pförtner lässt mich wenigstens mal von der Lobby durch die Glastür ins Innere starren. Bin verwirrt. Sieht eher aus wie eine Mischung aus Turnhalle und Amphitheater.

Ist aber wirklich ein Kongresszentrum. Denn eine Freundin hat uns noch vor der Fahrt berichtet, wie sie mit ihren Computerfirmakollegen hier eine Veranstaltung hatte. Ein Kollege sollte eine Rede halten. Und aus organisatorischen Gründen wurde die dann doch noch kurzfristig verlegt: von einem Nebenraum ins frühere Plenum. Der Kollege soll bei dieser Meldung sehr blass geworden sein.

Musste er nicht. Denn hier war der Bundestag nur noch von 1992 bis 1990. Als sein Bonner Ende schon beschlossen war. Den alten gibt´s nicht mehr. Dadrin sitzt jetzt wohl die UNO. Und ich davor: auf den Stufen vor der Schrift „Bundestag“, denn die klebt da immer noch, und da muss ich mich doch mal für ein Erinnerungsphoto in Pose setzen.

Langer Eugen, Wasserwerk, Schürmannbau, Palais Schaumburg, Villa Hammerschmidt, Gästehaus Petersberg – wir sind den ganzen „Weg der Demokratie“ abgeschritten. Und schaffen den Rückweg auf der Rheinpromenade nur noch jammernd und mit platten Füßen. Trotzdem: man muss es mal gesehen haben. Das große Nichts, das Provisorium, die Provinzhauptstadt, das Sammelsurium aus zweckentfremdeten und angebauten Behausungen, die ab 1949 gar nicht wussten, wie ihnen geschah.