Taschentuchalarm. Das halbe Konzert möchte ich einfach nur heulen. Schuld ist eine helle Gestalt mit dunklen Haaren auf der Bühne – bei der ich doch eben noch mein Programmheft gekauft hab, oder? Bin jedenfalls furchtbar erschrocken, als ich im Foyer die Frau mit den Heften anrief, und sich eine Gestalt mit schulterlangem Madonnenhaar und schwarzer Hornbrille umdrehte. Mit offenstehendem Mund hab ich mein Heft gezahlt und mir gesagt, dass es wohl doch die Hartz IV-Ausgabe der Hauptperson ist.
Ach, Nana Mouskouri“, wird meine Mutter später sagen, gibt´s die noch?“ Ja“, werde ich antworten, die ist jetzt 70.“ Und auf Abschiedstournee. Keine Ahnung, was sie – Nana, nicht meine Mutter – mit mir anstellt, aber es geht ganz tief rein: in Schichten, die weder die Flippers noch die Ärzte noch Wiglaf Droste je erobert haben. Noch nichtmal James Last. Vielleicht muss man dafür besonders hoch singen können. Aber ich schätze, dass auch Jimi Sommerville an meiner Heul-Schwelle abrupt ausgebremst worden wäre. Testen konnten wir das beide nicht. Denn das Frankfurter Konzert wurde damals im letzten Moment abgesagt, und um den Nachfolgetermin hab ich mich nicht mehr gekümmert.
Es ist vermutlich alles zusammen, was mir im Baden Badener Festspielhaus die Kehle zuschnürt: diese wundervolle ätherische Stimme, das alterslose Mädchen, das Ungekünstelte schlechthin. Bei jedem Blumenstrauß, der ihr gereicht wird, fasst sie sich tief bewegt ans Herz. Ich möchte noch mehr heulen. Mit wie zum Gebet zusammengehaltenen Dürer-Händen und strengem Blick versucht sie nebenbei, unbotmäßige Privat-Fotographen in ihre Schranken zu weisen. Das hat Klasse, das hat Nana-Stil. Und dann geht´s los.
Jazz, Folklore, Filmsongs – das Mouskouri-Repertoire ist groß und bunt. Mühelos trifft sie ihre Töne – allenfalls am Anfang, beim rauchig-schleppenden Jazz, rutschen manche einen Tick zu seitwärts. Aber wo, wenn nicht beim Jazz, darf das. Es kommt bekanntlich auf den Ausdruck an, nä? Auf Griechisch, Englisch, Französisch singt sie – und anders als, sagen wir mal, bei Milva, hat man tatsächlich das Gefühl: sie versteht jedes von ihr gesungene Wort.
Sicher, auch die deutschen Klassiker sind dabei. Sämtliche Rosen, weiße und schwarze. Aus Athen oder zu siebt. Der Sonnenschein, die Provence, eine Welt voll Licht, selbstgeschriebenes Liebeslied – nichts fehlt. Und auch, wenn die Hingabe bleibt: ein bisschen hastig pflügt sie doch durch die alten Schlager-Smash-Hits. Immer ihre kleine Band an der Seite, die gottlob nur selten pappige Synthie-Teppiche ausrollt. Das meiste darf mit schlichtem Arrangement und ohne Kleister.
Die Frau im Sitz neben mir ist um die 50, drückt mit mir gemeinsam den Altersschnitt im Publikum ganz kräftig. Während sie die Hits mitsingt, füllt ihr Mann die Pausen zwischen den Liedern mit Uuuh- und Bravo-Rufen. Ich bin verblüfft: la Mouskouri wird von Frauen und Männern gleichermaßen und eifersuchtslos geliebt. Die Bravo-Rufe ertönen aus unzähligen Fankurven. Die Legende hat das Festspielhaus fest im Griff – und scheinbar mühelos: denn große Gesten gibt´s bei der Mouskouri nicht. Sie steht, manchmal: sitzt, einfach auf der Bühne und singt. Ansagen haben Seltenheitswert – trotz ihres hervorragenden Deutschs. Egal. Nach der Pause sitzt ein neues Paar neben mir: Sitzplatz-Sharing, vermute ich. Rotationsprinzip, Sie wissen schon… Traue mich aber nicht, zu fragen. Meine Tränendrüsen haben sich jetzt besser im Griff. Neben mir wird weder gebrüllt noch mitgesungen. Wie schön. Und weil ich trotz halbjährigen Kartenkauf-Vorlaufs, will sagen: freier Platzwahl in High-End-Kategorie, unverständlicherweise für Reihe 18 gebucht hatte, wird mir Nana Mouskouri auch auf ewig alters- und faltenlos in Erinnerung bleiben. Viel sehen kann ich von dort nämlich nicht. Wie gesagt: eine helle Gestalt mit dunklen Haaren und wundervoller Stimme. Ja, ich denke schon, dass es Nana Mouskouri war. Sie klang jedenfalls so.