In Monaco ist alles gut organisiert, und sicherlich – wenn gleich die Gedenkminute beginnt – wird man nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt des verstorbenen Fürsten gedenken.“ Ich überlege, ob Kai Ebel die Relevanz der schillernden Grimaldi-Familie nicht ein klein wenig überschätzt. Aber, hey: davon lass ich mir das herrliche TV-Wochenende doch nicht verderben. Erstmal bin ich beeindruckt: die Gedenkminute beginnt, und wer in Monaco (und auf der ganzen Welt) keine hässliche Schirmmütze abnehmen kann, der zieht sich pietätvoll die verspiegelte Sonnenbrille vom Gesicht. Das hat Style.
In Monaco scheint die Sonne, und die einzige Formel 1-Übertragung, die meine Augen und mein Gehirn überleben, startet. Ich schaue sie natürlich nicht wegen der Autos, sondern wegen Monaco. Kann mich gar nicht sattsehen an den kleinen kurvigen Straßen zwischen den aufeinandergepferchten Hochhäusern, im Hintergrund blauglitzerndes Azur. Seit ich neulich die ARD-Bio über den toten Fürsten gesehen habe, bin ich noch faszinierter. Na gut, über die Jugend des Fürsten, seine Eltern, erfuhr man praktisch nichts. Außerdem schien mir Autor Heiko Engelkes öfter im Bild als Rainier selbst. Aber am Ende wurde mir doch schwindelig angesichts dessen, was diese zwei mickrigen Quadratkilometer so alles umfassen: einen Palast, eine Kathedrale, ein Krankenhaus, einen Flughafen, einen Bahnhof, ein Casino… Gut, der Bahnhof wurde mittlerweile unter die Erde verlegt, aber trotzdem.
Ich sollte mir also die Monaco-Übertragung auf keinen Fall entgehen lassen. Außerdem ist mir langweilig, denn der noch nicht mit mir zusammengenähte Chefredakteur schläft noch. Wahrscheinlich sollte ich den Nachmittag genießen, denn einmal zusammengenäht hat es sich vermutlich ausgeschaut in Punkto Monaco.
Ach was, gestern abend hab ich mich ja auch durchgesetzt: Eurovision Song Contest inklusive Vorberichterstattung. Wir sind uns einig, dass die unsägliche Gracia eine unverhohlene optische Kopie von Ruslana ist. Das steigert ihre Sympathie bei uns nicht gerade. Aber Ruslana selbst tut´s ihr offenbar gleich: das gestrige Eröffnungslied der Vorjahresgewinnerin klingt genauso wie ihr Siegerlied. Und nicht nur dieses… Wir glauben uns in einer besonders aufwändigen Ausgabe von Superdrumming“, denn überall ersetzen mächtige Trommeln musikalische Einfälle. Der ganze Schlager-Grand Prix (oder heißt es: Eurovision Percussion Contest“?) ein einziges Gelärme und Getöse. Und die lächerlichen Tanzgruppen im Hintergrund feiern fröhliche Urständ. Aber ohne wär´s ja auch der halbe Spaß.
Leider kann ich Gracia nicht nachsagen, schlecht gesungen zu haben. Aber mit vier Punkten war ihr langweiliges Lied noch gut bedient. Und wenn Mit-Komponist und Gracia-Manager Brandes darauf verweist, dass das fiese, Gracia-feindliche Deutschland nun bekommen hat, was es verdient, erinnere ich noch mal daran, dass es ein Song-Contest ist und nur das von ihm mitkomponierte Lied bekommen hat, was es verdient.
Ich nutze die Gelegenheit mal wieder, um darauf hinzuweisen, dass Ralph Siegel zu Unrecht geschmäht und verhöhnt wird. Er hat viele schöne Lieder zum Grand Prix geschickt, neben dem einzigen ersten Platz auch viele zweite Plätze für Deutschland erkomponiert, und auch gestern hätten wir mit einem Siegel-Lied mindestens doppelt so viele Punkte bekommen.
Egal. Zum ersten Mal konnte ich während der Punktevergabe ein langes Nickerchen machen und doch keinen der an Deutschland vergebenen Punkte verpassen. Und nachher, wenn das Monaco-Rennen vorbei ist, dann schau ich NRW – Zéro Points“. Es ist wirklich ein ganz dickes TV- Wochenende für mich. Ich sollte mich schon mal für das tiefe Loch des kommenden Wochenendes präparieren. Ich halte es da mit Manuel Andrack, der im Galore-Interview gerade zugegeben hat, seine Sonntage gern zu planen. In meinem Fall – keine Töchter, keine Wandersfrau – scheint das noch notwendiger. Wahrscheinlich les ich noch ein paar Allende-Bücher.
Zum Schiller-Jubiläum ein kleines Gedicht von mir – die Kurzfassung der Glocke. Natürlich nicht von mir verfasst, nur aufgeschnappt:
Erde auf, Bronze rin.
Glocke fertig,
bim-bim-bim.
Man ist so alt, wie man sich fühlt. Und außerdem lass ich mir nicht vorschreiben, wann ich reif genug für welche Literatur bin“, erkläre ich dem Chefredakteur in der Bahnhofsbuchhandlung und kaufe BRIGITTE Woman“. Die Zeitschrift für die Frau ab 40.
Knack“ macht die Bitterschokolade, die ich zuhause dann beim Lesen esse. Kakaogehalt: mindestens 70 Prozent, drunter mach ich’s nicht mehr. Zweifellos: ein neues Indiz meines Alterns. Denn der Tag Meine erste Bitterschokolade“, dachte ich lange, sieht so aus: ich an einen Stuhl gekettet, eine Maulsperre zwischen den Kiefern, während mir weißgekleidete Wärter – meinen blitzeschleudernden Blicken trotzend – ein Zartbitter-Rippchen in den Schlund zwingen.
Nichts da. Offenbar hab ich längst die Ausfahrt Frühes Wunderlich-Werden“ genommen. Ein Phänomen, das ich aus meiner Familie nur zu gut kenne. Beispiel: meine Mutter. Versiert in Wahrscheinlichkeitsrechnung, eine kühle Rechnerin und umgeben von klugen Büchern, die sie selbstredend alle gelesen hat. Auf Du und Du sozusagen mit Canetti, Beauvoir und Co. Doch dann erwähnte sie irgendwann beiläufig, dass sie nun Lotto spielt. Und sich über Aktienfonds informiert hat. Als sie im Urlaub interessiert in meinen Schundzeitungen blätterte, rieb ich mir kurz die Augen. Als sie vor kurzem erzählte, dass sie gern Brisant“ schaut (Weil die Informationen dort so kompakt gebündelt sind.“), packte mich nackte Angst.
Ende ich auch so? Zumal ich seit kurzem den nie gekannten Wunsch verspüre, mich mit dem Chefredakteur zusammennähen zu lassen. Vielleicht mithilfe einer Polsterer-Nadel, mit denen ungeschickte chilenische Schafscherer die Bäuche der geschorenen Tiere wieder zunähen. Nachdem sie die Eingeweide zurückgestopft haben. Das hab ich bei Isabel Allende gelesen. …die der Chefredakteur übrigens, weil er sie doof findet, genauso ausspricht, wie sie sich schreibt. Vielleicht ist das mit dem Zusammennähen doch eine blöde Idee. Dann müsste ich mir immer miese Kommentare anhören, während ich Allende lese. Und ich hab noch nicht mal das erste Buch durch. Aber sobald ich das Allende-Gesamtwerk intus hab, versprochen, werde ich den Plan mit dem Zusammennähen mit neuem Elan in Angriff nehmen. Natürlich darf Isabel Allende dann keine Bücher mehr schreiben. Ich werde das persönlich zu verhindern versuchen. Und zwangsläufig den Chefredakteur dazu mitbringen.