Unverschämtheit! Wo war der Fernseh-Gala-Abend für James Last? Wenn Pappnasen wie Udo Jürgens oder Johannes Heesters einen kriegen, warum er nicht?
Letztlich war es doch unwürdig, seinen 75sten im Musikantenstadl zu feiern, liebes öffentlich-rechtliche Fernsehen. Auch wenn James Last der einzige war, der dabei gut aussah. Aber das ist auch nicht weiter schwer, neben einem gespreitzen Freddy, der mühsam seine Playback-Einsätze traf. Und neben Karl Moik, der den Schäfern erstmal ein paar Reißnägel hinstreute. Nur zur Info: die Schäfer sind eine Volksmusikgruppe. Und sie treten grundsätzlich barfuß auf.
Am lustigsten ist immer noch zu sehen, wie das Saal-Publikum ausrastet. Sich ins Bild drängt, winkt und Freddy auf seiner Auftrittsroute Osterglocken, Rosen und Handspiegel zureicht. Kein Scherz.
Lustig natürlich auch, wenn Karl Moik dem Ehrengast James Last galant den angewinkelten Arm reicht und fragt: “Darf ich Dir mein Loch anbieten?” Das hätte ich gern bei Patrick Lindner gesehen… Der natürlich auch da war. Seltsamerweise aber von Karl Moik nicht darauf angesprochen wurde, dass er doch jetzt nur noch englisch singen will. Zumindest will er ein - Achtung, originell - Swingalbum einsingen. Weil das Publikum ja nur noch englische Musik goutiere.
Und, Karl Moik, der Akkordeon-Sänger in der Show hieß Marc Pircher. Nicht Pirchner. Und stundenland die Ärzte zu grüßen oder gar be-grüßen, die ihn (Moik, nicht Pircher) nach seiner Herzattacke beim Kölner Karneval gerettet haben, hätte auch nicht sein müssen. Aber trotzdem. Danke, ARD, dass der Stadl immer noch live kommt. Nur so kann Moik das Defilée am Ende abfangen mit den Worten: “Das ist das übliche Chaos zum Schluss”. So muss Samstagabendunterhaltung sein.
Aber James Last keine eigene Show zum 75sten zu spendieren, ist trotzdem eine unverzeihliche Sünde.
Andrea Berg ist natürlich die Königin des aktuellen Schlagers. Sag ich momentan, so im Jahr 2003. Hätte ich aber auch schon letztes Jahr gesagt. Sie hat einfach den geilsten Sound. Er ist das, was man im HipHop fett“ nennen würde. Und er groovt, oja. Dabei ist er verdammt archaisch, also eigentlich ziemlich primitiv, mit seinen wuchtigen Synthie-Klangmauern, die Phil Spector klein, alt und blass aussehen lassen, mit dem Haudrauf-Rhythmus und diesen schamlos aufeinandergeschichteten Gesangsspuren. Aber archaisch klingt besser.
Jedenfalls: Andrea Berg hat die mit Abstand schlimmsten Texte im ganzen aktuellen Schlager. Das tut mir wirklich leid, weil ich in der Tat auf ihre Songs stehe. Andrea Berg ist super, und ihre Musik auch. Aber als Mensch mit Deutschkenntnissen kann ich ihr diese Texte einfach nicht durchgehen lassen.
Die Sonne steht am Horizont, und Du stehst neben mir.“ Entschuldigung, was ist das denn? Die Anfangszeile von Die Gefühle haben Schweigepflicht“, stimmt. Aber auch das, was Germanisten ein schiefes Bild“ nennen. Was macht denn die Sonne gleich mit dem Horizont? Den Arm um ihn legen und ihn auf einen Drink einladen?
Doch es war total Liebe pur.“ …und eine Überdosis Superlative. Wir sind mittendrin in Du hast mich tausendmal belogen“. Und freuen uns jedes Mal wieder über das Lamento Ich bin mit dir so hoch geflogen, doch der Himmel war besetzt.“ Seitdem stell ich mir den Himmel als kleines Holzhäuschen mit ausgesägtem Herz in der Tür vor und hoffe inständig, dass, wenn ich mal an Petrus´ Pforten klopfe, noch genügend Toilettenpapier da ist.
Irgendwann, da war es Liebe. Vielleicht sogar ein bisschen mehr.“ Mehr als was? Als Liebe?!! Ich dachte, Liebe sei schon das Nonplusultra. Hörigkeit ist eine Krankheit. Hab meine Seele aufgeräumt, Tränen sind genug geweint.“ Seele aufgeräumt? So richtig in Kittelschürze und mit Schwammtuch? Warum nicht gleich den Kammerjäger kommen lassen und den Raumausstatter, der das ganze Oberstübchen mal neu möbliert?
Ach, ich weiß, es ist defätistisch, was ich hier mache. Ich schaff´s auch nur unter Tränen, denn natürlich kann auch ich mich nicht dem Pathos von Ich sterbe nicht noch mal“ entziehen. Aber diese herzlose Person, sagt Ihr jetzt. Fleddert mutwillig durch die Texte der armen Andrea Berg. Aber nein – ich kann Euch beruhigen. Wir verstehen uns schon, die Andrea Berg und ich. Sie hat wirklich viel Humor. Woher ich das weiß? Nun, all die Dramolette von den Gefühlen mit der Schweigepflicht, dem tausendmal-betrogen und dem Traum-zuviel gibt´s auch als Kombi. Verwoben zu einem knackigen – Partymix!!! Selten so gerockt.
Heute will ich mal wieder etwas anprangern, und zwar einen Songtext von Howard Carpendale. Dummerweise ist es der Text zu meinem Carpendale-Lieblingslied, aber das ist nur eine kleine, persönliche Tragik, die Euch nicht weiter zu kümmern hat.
Es geht um das Lied Wie frei willst Du sein“, die deutsche Version von Forse“, aus dem Jahr ´79. Kennt Ihr noch? Herrliche Melodie, und in der Carpendale-Version noch dreimal besser arrangiert als das Original. Eine folkige Gitarren-Ballade, die einfach den Flow hat. Aber ich wollte ja was zum Text sagen. Der ist einerseits toll gemacht: plätschernd und leichtfüßig, obwohl man gleichzeitig denkt Ach, was für ein melancholisches Lied über ein sich auseinanderlebendes Paar.“ Aber dann hört man mal genauer hin, was man da so mitsummt. Und bemerkt das ätzende Gift schlimmster Frauenfeindlichkeit, wie sie nur Ende der 70er gären konnte, unter dem Deckmantel romantischer Zweisamkeit.
Und so geht´s los:
Zusammenzuleben und doch frei zu sein.
Das wolltest du haben, und ich ging darauf ein.
Klingt harmlos, aber man ahnt schon die promiske Partnerin, die dem gutmütigen Song-Ich das Leben schwer macht.
Du hast dir einen neuen Kreis gefunden,
und bist mit fremden Menschen viele Stunden.
Hm?
Du fragst mich nicht, wie ich die Zeit verbringe
Äh, mit Sportschau-Gucken und Zeitunglesen?
und wenn du gehst, sagst du mir nicht wohin.
Naja, okay: zur Arbeit, zum Frisör, zu Freundinnen.
Du willst dich selber finden, dich entfalten
Doch, ja.
Du willst dein eignes Leben selbst gestalten.
Ja genau, und exakt das ist offenbar das angeprangerte Partnerschaftsverbrechen! Sie will doch tatsächlich über ihr eigenes Leben bestimmen!
Ja, zählen für dich nur noch diese Dinge?
Wie hat dann ein Zusammensein noch Sinn?
Dann GEH DOCH!!!!!
Du weißt, ich brauch dich.
Du weißt, ich mag dich.
Du weißt, ich lieb dich.
Ohne dich will ich nicht sein.
Das ist er, der finale Versuch! Emotionale Erpressung, mündend in die – endliche mal wahre – Aussage, dass ER hier etwas nicht will!
Warum ich mich so aufreg? Weil es in Songform genau das ist, was Männer ihren Frauen gesagt haben, als die Ende der 70er anfingen, in Frauen-, Yoga- und Töpferkurse zu gehen. Das gab Gemecker, Eifersuchtsszenen und Schlimmeres. Der Kleine Unterschied“ ist voll von solchen Schilderungen, und die Erzählungen meiner Verwandtinnen leider auch. Und fast hätt man´s nicht gemerkt, fast!!! Dass der nette Herr Carpendale hier dem Chauvinismus das Wort redet, ach was, singt, aber… hach, so schön wie kein anderer: Du frahgst misch niescht, wie iesch die Zait värbringe… Ja, es bleibt mein Lieblingssong von ihm, aber, hey: es ist ein Song mit einem beschissen frauenfeindlichen Text, der sich wie Schluckimpfung auf Zucker ins Hörerhirn mogeln soll. Ich hoffe, das Gericht erkennt auf Vorsatz. Und locht ihn ein.