K A T J A S W E L T
16.02.05

Olivia

Bisher war´s meine Lisa Simpson-Tasse, die mir an Tagen des Grauens die nötige Frauenpower gab. Seit neuestem ist der Name „Olivia“ dazugekommen. Mein innerer Bund mit einem grimmigen Schweinemädchen, dass den Kopf voller Ideen hat und nie verzagt, lässt die schlimmsten Tücken schon nicht mehr ganz so mächtig erscheinen. Ich identifiziere mich mit einem Schwein mit zu großem Kopf und spirreligen, krummen Haxen. Himmel, hilf!

Aber die Olivia-Bücher sind meine neueste Entdeckung aus der Welt der Kinderbücher. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und der Hinternet-Chefredakteur muss sich seitdem gezwungenermaßen von mir giggelnd großformatige Bücher mit wenig Text vorlesen lassen.

Olivia ist New Yorkerin. Ihr Lieblingsbild ist die “Ballettprobe” von Degas, zu der kann sie herrlich träumen. Sie baut monströse Sandburgen, muss sich manchmal mit Macht ihren kleinen Bruder vom Leib halten. Und die Katze Edwin, die sie spazieren führt, sieht nicht wirklich glücklich aus.

Olivia trägt nur Rot. Wenn sie überhaupt ´was trägt. Sie kann tolle Kunstwerke auf die Tapete malen. Und abends verkündet sie ihrer Mutter frohgemut, dass heute abend nur fünf Gutenacht-Bücher vorzulesen sind.

Olivia ist stark, selbstbewusst und mutig. Und sie ist herrlich gezeichnet. Ian Falconer ist Karikaturist für verschiedene Zeitungen. Und vielleicht kommt daher auch sein Gottvertrauen in ein Buch ohne Handlung. Es sind allenfalls Miniaturen, die hier aneinandergereiht sind. Aber es funktioniert! „Olivia“ zeichnet ein rundes Psychogramm der kleinen Schweinin. Man weiß, wie ihr Tag beginnt und endet. Welches ihre Leidenschaften sind und womit man bei ihr besser rechnet! Dass ich sie so liebe, liegt am trockenen Humor des Buches. An seinem lakonischen Ton. Und an der göttlichen Physiognomie von Olivia und ihrer ganzen Familie. Nach diesem Buch sieht man Schweine mit anderen Augen. Und staunt nur noch leise darüber, dass sich Schweine – genau wie wir – Hunde und Katzen als Haustiere halten. Olivia rules!

10.01.05

Käse-Igel

Kochen wie in den 70ern – Teil 2. Ja, es gibt tatsächlich nach den Wurstfaltern und Eier-Igeln noch ein Requisit, das meiner Sammlung fehlt. Das war der Käse-Igel. Auch Party-Pilz genannt. Natürlich vom Flohmarkt. Ein Döschen Zahnstocher war auch dabei. Leider gaben sie selbst nach gründlichem Spülen nicht ihren 50er-Jahre-Geruch frei. Also weg damit und neue geholt. Und dann: – Silberzwiebeln, Cocktailgurken, Trauben, Oliven und Käsewürfel bitte in Zweierreihen aufstellen. Damit die neuen Plastikstocher ihr Werk tun können.

Ist nicht ganz einfach: bisschen fisselig, aber wenn man die Stocher gut einhakt, hält alles. Okay, die Gäste müssen ein bisschen frickeln, um die Spieße überhaupt loszukriegen – aber Schönheit hat halt ihren Preis. Ich bin jedenfalls begeistert, der Party-Pilz und ich werden dicke Freunde.

14.09.04

Humpe

Sollte ich mal Kinder haben, werden sie alle Inga heißen. Auch die Jungs. Das liegt an der neuen „2raumwohnung“. Und daran, dass ich eine große Verehrerin der Humpe-Schwestern bin. „Es wird morgen“ heisst das neue Album, das dritte. Und es ist keineswegs, wie Spiegel online fand, ausgereifter als das erste. Oh nein. Es ist zwar ganz wunderbar, und es sind richtige Perlen drauf. Es ist eines dieser Alben, das einen hindert, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn man merkt, dass auf der Welt noch viel zu viele andere Menschen sind. Aber der echte Indikator für die Güte eines Albums ist doch immer noch das Vehikel der Mixkassette. Und auf meiner 2raumwohnung-Mixkassette sind fast doppelt so viele Lieder vom Debütalbum wie vom neuen Album. Im übrigen bin ich nicht der Meinung, wie manch anderer, dass Inga Humpe bekannt hat, eine offene Beziehung zu führen. Sie hat nur gesagt, dass sie offene Beziehungen gut findet. Ob sie eine führt, hat sie geschickt offen gelassen. In diesem Interview im Netz, das offenbar alle gelesen haben…

05.03.04

Adamo: Komm in mein Boot

Adamo kann ich selbstredend nur loben. Adamo ist Gott. Zumindest der Adamo aus „Komm in mein Boot“. Bei „Ein kleines Glück“ möchte man ihm manchmal den Vorschlaghammer aus der Hand nehmen, mit dem er auf die Klaviertasten haut. Ein Spieluhr-Boogie, der sich vielleicht in Las Vegas-Freak Shows gut machen würde, zwischen Liberace und den weißen Tigern… Aber halt! Ich wollte doch loben. „Komm in mein Boot“ ist nämlich ganz großes Kino und echte Kunst, die mich immer wieder völlig umhaut.

Mit tricky Pizzicato und weichen Piano-Akkorden pirscht er sich ran, der Adamo, um sich dann an wagnerianischen Klangmauern abzurackern. Also, man muss schon vom Mars sein, um NICHT zu ahnen, was da abgeht, auf der „Insel“. Oder der deutschen Sprache nicht mächtig, denn im Grunde wird im Text sowieso schon alles gesagt. Wie sonst darf ich das verstehen, mit dem Lieben und Träumen und „wieder uns lieben, allein am Strand“?

Aber es bleibt trotzdem große Kunst. Wenn ich noch mal betonen darf: das Arrangement!!! Allein schon diese Percussions, mein Gott, der Wahnsinn!! Die Streicher, die Hörner, der ganze Tand – und dann plötzlich wieder gar nichts außer dem Hauch einer Basslinie und diesem entrückten Lockruf, der, ähem, dann allerdings doch ein bisschen so klingt, als würde Norman Bates zum gemeinsamen Duschen laden. Macht nix. Adamo ist einfach der Rekordmeister der Sänger-Championsleague, er ist das Manchester United unter den Stimmen. Und von ihm lass ich mir auch von Sternen erzählen, die schweigend über dem Meer tanzen, von purer Poesie und stillstehender Zeit, von Lärm und Hast, sogar von einem Fahrplan, in dem die Insel nicht steht. Aber all seine Ehrentitel verdient er sich mit einem einzigen, kleinen Wort, nämlich dem schwuchteligen „traumgeschwind“. Das ist die Geschwindigkeit, mit der das Boot zur Insel fliegt, nämlich „so schnell, so traumgeschwind“. Für den Mut, ein Wort wie „traumgeschwind“ zu singen – und für das rollende R darin – könnte ich ihn einfach küssen. Danke, Adamo!

18.02.04

Peter Horton Texte

Was für ein herrlicher Ritt auf der angewesterten Konzertgitarre von Peter Horton und seinem rollenden R. Natürlich in: „Wenn Du nichts hast als die Liebe“. Sternstunde des deutschsprachigen Schlagers, irgendwo zwischen Folk, Chanson und Talking Blues. Ein echter Road-Song, rastlos und getrieben, aber voll gespreizter und ausgestellter Poesie. Die Zeilen vollgepfropft mit Worten, die sonst vermutlich noch niemand im Schlager gesungen hat. Herbstzeitlose. Fruchtbar. Gesegnet. Wunderliche Bilder wie ein „Zimmer ohne Wand“. Oder ein „König, der ein Schloß hat und kein Land“. Ja - und mit dem Ratschlag „Lehre deinem Herzen schwimmen, dass es nicht im Glück ersäuft.“ Das darf doch nicht wahr sein! Lehre dein Herz schwimmen! DEIN!!! Verdammt. Ich musste das mal loswerden, empfehle aber trotzdem, darüber hinwegzuhören. Über den falschen Casus. Denn: klasse Song! Und vielleicht spricht man ja so in Österreich, wo Peter Horton herkommt. Bestimmt.

07.11.03

Meine Besten

So, nun wählt das ZDF also „Unsere Besten“: Und da wird es Zeit, wie vom Chefredakteur schon lange gefordert, dass ich mal MEINE Besten dagegensetze.

Fangen wir von hinten an:

10 Conny Plank
Schätze mal, das ist der wichtigste deutsche Musikproduzent, den es je gab. Ohne ihn kein Kraftwerk, kein Neu. Auch DAF hat er produziert, die Eurythmics und Gianna Nannini. Aber da fängt es dann an, entbehrlich zu werden… Egal. Er hat frischen Wind und revolutionären Sound in die deutsche Popmusik gebracht. Und das ist doch was. Conny Plank war ein Genie.

9 Ulrike Meinhof
Muss ich das erklären? Könnte kitschig werden, ist mir bewusst. Aber so´ne kluge Frau in der Männderdomäne „politischer Journalismus“. Das find ich gut. Außerdem hat sie nicht mit Andreas Baader geschlafen. Hoffe ich.

7 Ratz und Rübe
Die Helden meiner Kindheit. Haben kräftig den Mythos der vermeintlich heilen Kleinfamilie zerstört. Kann nie schaden. (Rübe lebte bei ihrem Vater. Ratz bei seiner Mutter.)

6 Bernt Engelmann
Von ihm habe ich gelernt, dass Geschichte meist Geschichte der Sieger ist. Und warum man Menschen wie die Flicks nicht mögen muss.

4 Inga und Anette Humpe
Ich verehre sie einfach. Weil sie toll sind. Humpe&Humpe gehören zu den Sternstunden deutscher Popmusik. Ideal waren klasse und, mal ehrlich, das Produkt von Anette Humpe. Sie hat sogar aus Müll gute Musik gemacht, wie aus Lucilectric, dem späten Lindenberg und den Prinzen. Dann noch DÖF und Zweiraumwohnung und all die anderen wunderbaren Dinge, denen Inga Humpe ihren Glamour schenkte. Und was wären all die Lieder, in denen sie im Background singt, ohne sie: Keine Sterne in Athen, Ein Herz kann man nicht reparier´n… Hach.

3 Alice Schwarzer
Wieder Kitschalarm. Aber das war schon sehr nötig, was sie so alles angeschoben hat.

2 Melitta Benz
Aber ohne diese Frau und den von ihr erfundenen Kaffeefilter wäre ich gar nicht wach genug, um die Verdienste all dieser großen Menschen wahrzunehmen.

1 James Last
Und das ist der Größte von allen. James Last ist Gott. Hört seine Musik, und es geht Euch gut. Ihr könnt dabei tanzen, singen, einfach nur mit dem Fuss wackeln, sogar ein Brötchen essen. Er ist einfach genial. Hat super-einfache, trotzdem edle und groovige Musik gemacht. Und er hat vor nichts Angst. Jedem neuen Trend nimmt er das Neue, Beunruhigende, indem er ihn einfach auffrisst und im Happy Sound wieder ausspuckt. Umarme Deine Feinde. Und werde reich dabei. Das kann man von James Last lernen.