Taschentuchalarm. Das halbe Konzert möchte ich einfach nur heulen. Schuld ist eine helle Gestalt mit dunklen Haaren auf der Bühne – bei der ich doch eben noch mein Programmheft gekauft hab, oder? Bin jedenfalls furchtbar erschrocken, als ich im Foyer die Frau mit den Heften anrief, und sich eine Gestalt mit schulterlangem Madonnenhaar und schwarzer Hornbrille umdrehte. Mit offenstehendem Mund hab ich mein Heft gezahlt und mir gesagt, dass es wohl doch die Hartz IV-Ausgabe der Hauptperson ist.
Ach, Nana Mouskouri“, wird meine Mutter später sagen, gibt´s die noch?“ Ja“, werde ich antworten, die ist jetzt 70.“ Und auf Abschiedstournee. Keine Ahnung, was sie – Nana, nicht meine Mutter – mit mir anstellt, aber es geht ganz tief rein: in Schichten, die weder die Flippers noch die Ärzte noch Wiglaf Droste je erobert haben. Noch nichtmal James Last. Vielleicht muss man dafür besonders hoch singen können. Aber ich schätze, dass auch Jimi Sommerville an meiner Heul-Schwelle abrupt ausgebremst worden wäre. Testen konnten wir das beide nicht. Denn das Frankfurter Konzert wurde damals im letzten Moment abgesagt, und um den Nachfolgetermin hab ich mich nicht mehr gekümmert.
Es ist vermutlich alles zusammen, was mir im Baden Badener Festspielhaus die Kehle zuschnürt: diese wundervolle ätherische Stimme, das alterslose Mädchen, das Ungekünstelte schlechthin. Bei jedem Blumenstrauß, der ihr gereicht wird, fasst sie sich tief bewegt ans Herz. Ich möchte noch mehr heulen. Mit wie zum Gebet zusammengehaltenen Dürer-Händen und strengem Blick versucht sie nebenbei, unbotmäßige Privat-Fotographen in ihre Schranken zu weisen. Das hat Klasse, das hat Nana-Stil. Und dann geht´s los.
Jazz, Folklore, Filmsongs – das Mouskouri-Repertoire ist groß und bunt. Mühelos trifft sie ihre Töne – allenfalls am Anfang, beim rauchig-schleppenden Jazz, rutschen manche einen Tick zu seitwärts. Aber wo, wenn nicht beim Jazz, darf das. Es kommt bekanntlich auf den Ausdruck an, nä? Auf Griechisch, Englisch, Französisch singt sie – und anders als, sagen wir mal, bei Milva, hat man tatsächlich das Gefühl: sie versteht jedes von ihr gesungene Wort.
Sicher, auch die deutschen Klassiker sind dabei. Sämtliche Rosen, weiße und schwarze. Aus Athen oder zu siebt. Der Sonnenschein, die Provence, eine Welt voll Licht, selbstgeschriebenes Liebeslied – nichts fehlt. Und auch, wenn die Hingabe bleibt: ein bisschen hastig pflügt sie doch durch die alten Schlager-Smash-Hits. Immer ihre kleine Band an der Seite, die gottlob nur selten pappige Synthie-Teppiche ausrollt. Das meiste darf mit schlichtem Arrangement und ohne Kleister.
Die Frau im Sitz neben mir ist um die 50, drückt mit mir gemeinsam den Altersschnitt im Publikum ganz kräftig. Während sie die Hits mitsingt, füllt ihr Mann die Pausen zwischen den Liedern mit Uuuh- und Bravo-Rufen. Ich bin verblüfft: la Mouskouri wird von Frauen und Männern gleichermaßen und eifersuchtslos geliebt. Die Bravo-Rufe ertönen aus unzähligen Fankurven. Die Legende hat das Festspielhaus fest im Griff – und scheinbar mühelos: denn große Gesten gibt´s bei der Mouskouri nicht. Sie steht, manchmal: sitzt, einfach auf der Bühne und singt. Ansagen haben Seltenheitswert – trotz ihres hervorragenden Deutschs. Egal. Nach der Pause sitzt ein neues Paar neben mir: Sitzplatz-Sharing, vermute ich. Rotationsprinzip, Sie wissen schon… Traue mich aber nicht, zu fragen. Meine Tränendrüsen haben sich jetzt besser im Griff. Neben mir wird weder gebrüllt noch mitgesungen. Wie schön. Und weil ich trotz halbjährigen Kartenkauf-Vorlaufs, will sagen: freier Platzwahl in High-End-Kategorie, unverständlicherweise für Reihe 18 gebucht hatte, wird mir Nana Mouskouri auch auf ewig alters- und faltenlos in Erinnerung bleiben. Viel sehen kann ich von dort nämlich nicht. Wie gesagt: eine helle Gestalt mit dunklen Haaren und wundervoller Stimme. Ja, ich denke schon, dass es Nana Mouskouri war. Sie klang jedenfalls so.
Der Mann auf der Bühne ist ein Leichtgewicht. Ein Junge von Mitte 60, nicht unsympathisch, aber ohne große Ausstrahlung. Und vor allem ist er keine Rampensau. Er tritt freundlich ins Licht, zappelt rhythmisch zu den Klängen seiner Band. Und schwingt ansehnlich mit seiner umgehängten Gitarre. Der Mann ist Peter Kraus.
Einen Rock´n´Roll-Klassiker nach dem anderen schrammelt er herunter. Nach dem vierten oder fünften gibt´s die erste Ansage: Wir freuen uns, dass ihr hier seid. Wir freuen uns doch, oder? Blick zur Band. Jaja, wir freuen uns. Weiter geht´s: Noch mehr Rock´n´Roll-Klassiker, während im Hintergrund auf die Leinwand projizierte Bilder an die wilden 50er erinnern. Schon der Beginn des Konzerts sollte unterhaltsames Unbehagen verbreiten: knisternde, ramponierte schwarz-weiß-Filme. Alte Wochenschauen, die noch mal reinbeamen sollen in die Zeit der jungen Bürgerschrecks mit ihren ruppigen Klängen.
Was auf der Bühne der Saarbrücker Congresshalle tatsächlich stattfindet, hat Caféhaus-Format. Aufgepeppte Schlager,
von Kraus beherzt, von der Band eher routiniert aufgeführt. Man sehnt sich nach Götz Alsmann und seinem missioniarischen, Funken schlagenden Wahnsinn. Nach Brian Setzer, Robbie Williams, den Ace Cats. Bloß weg von hier.
Weg von dem Mann, der gebetsmühlenartig in seinen spärlichen Ansagen das Feuer des Rock´n´Roll beschwört. Der sich mit begrenzten vokalen Mitteln an Liedern wie dem Rythm of the falling rain“ und Wake me up before you gogo“ abmüht. Der die einstigen Leuchtmarken dreckiger, feuriger Kraft mit süßem Mittelmaß durchtränkt. Begleitet von rhythmisch flackerndem Saallicht, das dem Auftritt das letzte Quentchen Intimität raubt. Die einzige Dame, die sich die beständige Anrufung des Rock´n´Roll-Feuers zu Herzen nimmt und – onduliert, im Chanel-Look-a-like-Jäckchen – tatsächlich aufsteht und die Songs klatschend begleiten will, wird vom Ordner gebeten, sich doch wieder hinzusetzen.
Einzig bei Kraus´ eigenen alten Schlagern entsteht im Publikum so was wie echte Begeisterung. Hier wirkt er authentisch und nicht wie ein fehlbesetzer Alleinunterhalter. Wenn Teenager träumen“, So wie ein Tiger“ – hier frisst sich tatsächlich eine Art Lunte von der Bühne runter ins Parkett. Aber ein kurzer Aufsager, in dem Peter Kraus sich mit völlig verunglücktem Hüftschwung als Elvis Presley geriert und freut, dass er an der Durchsetzung des Rock´n´Roll in Deutschland nicht ganz unbeteiligt“ war, geben mir den Rest.
Schon bei einer der Krausschen Neukompositionen war ich kurz davor, meine Sachen zu packen. Ein schamlos kommerzieller Aufguss alter Fifties-Klischees, textlich versehen mit zusammengeklaubten Slogans wie It´s only Rock´n´Roll but I like it“, gegen den Dieter Bohlen wie ein Waisenjunge wirkt… Über die zweite Hälfte des Konzerts kann ich tatsächlich nichts mehr sagen. Das Fernsehprogramm zu Hause war einfach attraktiver.
Ich hätt gern ein T-Shirt“, sagt die Dame, die sich aufgeregt an den Stand drängt. Welche Farbe? Wir haben Hellblau, Weiß und Beige“, antwortet die resolute Verkäuferin. Dann nehm ich Orange.“ Neulich, am Merchandising-Stand der Flippers…
Nein, so sind nicht alle Feeeeens. Und nicht alle brauchen das T-Shirt in XXL. Aber die meisten. Leider haben sie auch schon alle Plastik-Delfine am flackernden Plastik-Stiel aufgekauft, als ich in die prall gefüllte Saarlandhalle dazustoße. Nach zehnminütigem Fußmarsch, da mein Auto jetzt in einer Straße steht, die ich schon gar nicht mehr zu Saarbrücken gehörig glaubte. Bin trotzdem guter Dinge, da ich mich schon an das Konzert der Kastelruther Spatzen in der selben Halle sehr gern erinnere. Und jetzt, so hoffe ich, bewegen sich die Gestalten auf der Bühne vielleicht sogar.
Und wie! Und die Feeeens mit ihnen. Immer, immer wieder“ haut als Opener gleich gut rein: die ganze Halle steht und klatscht. Während des Applauses: erschöpftes Hinsetzten. Aber, zack: schon der nächste Titel ist Isabella“: wieder hoch, stehen, klatschen. Und so geht das den größten Teil des Konzertes. Wenn die Fans nicht – wie im letzten Viertel der Show“ kollektiv an die Bühne drängen, um ihren Lieblingen so nah wie möglich zu sein. Oder wenn sie, wie nach dem zweiten Lied, ihre Präsent-Tütchen, Bonbonnieren, Flaschen, Laubsäge-Arbeiten und einfach alles, was sich in Zellphan wickeln lässt, zur Bühne tragen. Das Bühnenbild – eine große Leinwand zwischen einem Papp-Leuchtturm und einem Papp-Kreuzfahrtschiff sieht jetzt aus wie ein Flohmarkt.
Olaf, Bernd und Manfred sind direkt aus ihrer badischen Heimat Knittlingen angereist und stehen gutgelaunt auf der Bühne. Ungewohnter Weise aber nicht in ihren Primärfarben-Sakkos, sondern in einem Alptraum aus Pailletten und Lametta, der selbst Liberace neidisch gemacht hätte. Olaf, der Gitarrist mit dem Swing in den elastischen Gliedern. Bernd, der auftoupierte Bassist mit der Engelsstimme. Und Manfred. Der ab und zu wie ein fleischgewordener Duracell-Hase auf seine zwei Kochplatten einhaut. Etwas verdunkelt, im Hintergrund der Bühne: zwei Keyboarder und ein Drummer mit ernstzunehmendem Drumkit. Ach so“, wird später der Chefredakteur sagen: Hinten die Musiker. Vorne: die Flippers.“
Die allerdings wissen, wie man die Feeeens am Kochen hält: durch überdurchschnittlich häufige Nennung des Wortes Mallorca“ (Stellt Euch mal vor, Ihr wärt am Strand.“ Olaf schließt die Augen und seufzt ein tiefes Mhhhhhhh“…), durch ihre geschmeidigen Ufftata-Songs (Dann macht es Bumm Bumm Bumm, Bänge-Bumm Bumm Bumm, ich hab ein Herz aus Schoko-laaaa-de“) und schlüpfrig-amüsante Ansagen. Diese drei Herren, die immer noch soviel Provinz-Mief ausstrahlen, dass man suchend nach der Frau mit den Tombola-Losen Ausschau hält, haben die über viertausend Leute im Saal fest und scheinbar spielend im Griff. Sie machen ihre Sache klasse! Das jahrelange Tingeltangel, nach dem sie jedes Festzelt beim Vornamen kennen, zahlt sich aus. Schließlich ist das die Show zum 35jährigen Jubiläum. Und die bedeutet: drei Stunden souveräner, sympathischer Fun. Mit der Roten Sonne von Barbados“, dem Mädchen von Capri“, dem Kleinen Floh in meinem Herzen“ und natürlich: der Kleinen Eva“.
Angefüllt mit Synthie-Kaskaden und Traumstrand-Bildern von der Leinwand strömen die Fans am Ende des Abends wieder nach Hause. Vergesst nie“, hat ihnen Bernd beim großen Finale noch mit auf den Weg gerufen: Wir lieben Euch.“ Das hätte es vermutlich gar nicht mehr gebraucht. Auf dem Weg zum Ausgang berichtet hinter mir eine Frau begeistert ihrer Begleitung: Der ganze Stress der letzten Woche ist weg. Einfach abgefallen, einfach weggetanzt“.
Erinnert sich noch jemand an den Tatort-Song Why can the bodies fly“? Ich glaub, die Folge hieß Peggy hat Angst“ und lief 1983. Hannelore Elsner hat darin ein Model gespielt: Peggy eben, die Angst hat. Der Song war jedenfalls ziemlich gruselig, hatte ein ziemlich barbarisches Grollen als Lead-Vocal und im Hintergrund einen ganz schrillen Frauen-Chor, der immer Hie-hie-hie sang, in abfallenden Terzen. Und was entdeck ich neulich, als ich die Seele zu alten Schlagern baumeln lass? Die Backing-Vocals sind geklaut, die hatte schon Howard Carpendale in Wem“! Vor allem am Ende, nach dem Break, wo das dramatische Finale losbricht. Und wahrscheinlich sind nicht nur Satz und Melodie geklaut, sondern der ganze Chor. Ich glaub, der kann nur diesen einen Gesang.
LKWs sagen mehr als 1000 Worte, siehe die Lustigen Musikanten“. Das Equipment von Howard Carpendale reist mit Rock´n´Roll Trucking“!
Es ist das Saarbrücker Konzert seiner Abschiedstournee, gestern abend in der Saarlandhalle. Ausverkauft. Endlich. Mal wieder. Mag sich Howie gedacht haben.
Im Foyer gibt es, hallo, eine Plakat-Ausstellung! Drei Stellwände mit plastiküberzogenen Plakaten aus der langen, langen Carpendale-Karriere (auf den Tour-Shirts steht HC 66/03“). Der Mann neben mir versucht eine der Autogrammkarten, die unten auf die Stellwände getackert sind, abzukratzen. Geht nicht. Diebstahlsicher.
Dieses Plakat gehört nicht zur Ausstellung, es ist neu und wirbt Kartenkäufer: Mein letztes Zusatzkonzert“. Ich könnt mir in den Hintern beißen, dass ich keine Kamera dabei hab.
Dann sitzen wir. Rang Mitte. Mittig in jeder Hinsicht. Vor mir Damen über 40 mit sturmsicher gesprayten Haaren. Ich weiß, dass ich genauso zugesprayt bin und hoffe inständig, dass man es mir wenigstens nicht so ansieht. Mit der Asbach-Fahne des Mannes hinter mir muss ich die nächsten drei Stunden leben.
Dann geht es los. Licht aus. Sternenhimmel an. Und aus dem Off die Stimme eines Märchenonkels, die die großartigen Erfolge von Howie herbetet. Zum Schluß ein Ausschnitt aus der Kerner-Show, wo Howie himself seinen Rückzug ankündigt. Seine Worte Der richtige Moment“ verhallen mit viel Echo. Gleich springt der Motivationstrainer auf die Bühne und predigt uns unbegrenzte Möglichkeiten. Aber nein. Meine Sitznachbarin deutet schon auf den Fanclub im Parkett, der erwartungsvoll Spalier steht. Und tatsächlich. Da kommt Howard Carpendale und teilt das Meer. Umgeben von Leibwächtern marschiert er wie ein Boxer vorm Kampf mitten durch die Fans. Und rauf auf die Bühne. Die ersten Worte von Nachts, wenn alles schläft“. Ich bin glücklich. Und es dauert noch eine ganze Weile, bis die Gänsehaut weggeht.
Nur der Sound ist breiig und Carpendales Stimme manchmal schlecht zu hören. Der Mann am Mischpult kriegt später keinen Applaus von mir. Aber die Band, die ist gut. Und der Chor aus drei jungen Herren. Und Joachim Horn-Bernges, Howie-Alter Ego und genialer Songtexter. Er darf sogar drei Lieder mit dem Meister singen, und die sind gottseidank irgendwann rum. Man muss seine Freunde auch mal vor sich selbst schützen. Trotzdem, ein magischer Moment: als Howard Carpendale sagt, Horn-Bernges habe mal das Intro zu einem seiner Lieder gesungen, und das sei berühmter geworden als der Refrain. Dann singt Joachim Horn-Bernges die ersten Töne von Hello Again“, und unten im Saal gibt’s die Domino-Ralley rückwärts: alles steht. Ich sitz oben und merke, dass ich einen Massengeschmack habe.
Dann gibt´s erstmal Stücke aus dem aktuellen Album Der richtige Moment“, viele davon sehr ruhig. Aber auch Jede Farbe ist schön“, Titanic“, Samstag Nacht“ und Cover-Versionen wie Sorry seems to be the hardest word“. Der ein oder andere hohe Ton mag leicht daneben sein, aber insgesamt ist Howie gut bei Stimme.
Das Konzert am Abend vorher in Hamburg hat er absagen müssen. Erkältung, gesundgespritzt, blabla. Dass es, wie er sagt, Horror“ gewesen wäre, ausgerechnet das Saarbrücker Konzert platzen lassen zu müssen, würd ich ihm gern abkaufen. Kann ich aber nicht. Ich hab ihn zwei Monate vorher interviewt und mir mürrische Lamenti über nicht ausverkaufte Saarlandhallen anhören müssen. Und die vorwurfsvolle Frage, was wir beim Radio denn machen würden?? Und ich hab mühevolle Stunden mit dem Schneiden von Howie-O-Tönen verbracht, die zur Hälfte unsendbar waren. Oder soll ich unseren Hörern mitteilen lassen, dass er Das schöne Mädchen von Seite 1“ noch nie mochte und nur gesungen hat, um einen Schlagerwettbewerb zu gewinnen? Dass Nimm den nächsten Zug“ ein harmloses Liedchen ist, das er nicht besonders schätzt? Dass Mit viel, viel Herz“ gescheitert“ ist, weil niemand die Schlager-Selbstironie verstanden hat? Der Tonfall sagt: Verachtung.
Nein, die Abschiedsrede geht mir nicht unter die Haut. Ich hab auch immer noch nicht kapiert, warum ein Mann mit 57 abtritt, dessen Fähigkeiten ihn auch in 20 Jahren noch einen tollen Entertainer sein ließen. Und der auch bei seinen alten Liedern nicht albern wirkt, mögen sie vor Selbstmitleid und Pathos noch so triefen. Es ist seine sparsame Gestik, die typisch angebeugte Carpendale-Haltung und die dünne, zittrige Stimme, die ihre eigene Aura hat. Aus Lässigkeit und Melancholie. Und irgendwie ist Howie ein Leiser.
Nein, mein Lieblingsmoment ist, als die Zuschauer Dann geh doch“ fast im Alleingang singen. Und Carpendale sich freut, dass auch die angeblich von ihren Frauen mitgeschleppten“ Herren den Refrain beherrschen. Schnell noch dem Bähr ein T-Shirt gekauft. Traurig, dass er geht, allemal. Also, der Carpendale.
Ich halt das einfach nicht mehr aus. Das geht so nicht weiter.
Die Sache ist die: jeden Samstagabend moderiere ich eine Schlagersendung. Nein, die Sendung ist völlig okay. Das Problem ist die Vorbereitung. Vermutlich bin ich sowieso die einzige, die sowas vorbereitet. Alle anderen haben längst aufgegeben… – beim Versuch, irgendwas Relevantes über Schlagersänger im Internet zu finden!!! Doch, es gibt was: nämlich auf Hallo-Uwe.de, der Website des ehemaligen ZDF-Hitparaden-Moderators Uwe Hübner. Und auf Kochuniversal.de, wo 103 Prozent aller Volksmusikanten unter Vertrag sind. Aber versucht nie, nie, nie, irgendwas Informatives über Schlagerinterpreten auf ihren EIGENEN Websites rauszukriegen. Ich nehm mir bald nen Strick, wenn ich das noch weiter probier.
Zunächst mal: Ihr werdet blind von dem ganzen grellbunten Kraut-und-Rüben und den albernen Animationen. Ich sag nur Andrea-Berg.de, Frank Schöbel und wie sie alle heißen.
Aber das Allerschlimmste ist die Mischung aus hybrider Selbstbeweihräucherung und Informationsverweigerung. Ich weiß nicht, auf wie vielen Sites ich allein gestern war, wo Leute sich als Inbegriff des deutschen Schlagers“ bezeichnen, deren Namen ich – Fulltime-Mitarbeiterin einer Schlagerwelle – noch nie gehört hab. Möglicherweise hab ich auch nur die Neudefinition des Wortes Inbegriff“ verpasst. Und natürlich ist kaum ein Interpret so oft“ wie xyz in Schlager-Hitparaden, Radio-Airplays und Fernsehen“ vertreten. Hilfe, hilfe, hilfe.
Außerdem ist grundsätzlich das Zuhause“ dieser Leute die Showbühne, das Radio und das Fernsehen.“ Und man wünscht sich inständig den Veranstalter, der das mal wörtlich nimmt: …haben wir Ihnen kein Hotelzimmer besorgt, denn auf Ihrer Website steht ja, dass Sie auf der Bühne schlafen.“ Dann klickt man auf Biographie“ – wenn´s das überhaupt gibt – und findet: genau die gleiche Sülze. Kein Geburtsjahr, sowieso nicht. Nichtmal eine Ortsmarke, wo die Leute herkommen. Keinen Werdegang, nichts Erzählenswertes, null Interessantes. Nur so Dreck wie: hat schon als Kind gern gesungen, immer an sich geglaubt und Plitsch und Platsch… Schwupp sind 5 Minuten weg. Man wischt sich den ganzen Schleim ab und hat genauso wenig Infos wie vorher. Gibt´s keine Internet-Polizei, die da mal eingreift? Wegen sinnentleerten Wegnehmens von Webspace?? Was ist zum Beispiel mit Fotoalben“, die ein einziges Bild enthalten – das einen noch dazu schon auf der Startseite angesprungen hat?!! Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Oder geht zu den Kastelruther Spatzen: die kleinen Bildchen oben links sind die Bandmitglieder. Der Rest ist Online-Shopping, vom Kastelruther Teddybär bis zum praktischen dreirädigen LKW für 5000.
Also, wenn ich je den Schlagerdienst quittiere oder anfang, vor der Sendung Drogen zu nehmen, dann nicht wegen der Musik, sondern wegen der Websites. Meine Fresse.
Mal wieder Schwein gehabt. Bin einfach schon um 18 Uhr 30 da. Also viel zu früh. So wie die ganzen Fans der Kastelruther Spatzen, die schon vor der Halle stehen.
Rein durch die Hintertür, diesmal leider kein Fuhrunternehmen Vogelfänger“ oder so. Dafür einen versöhnten Tourmanager, der sofort den Spatzen-Sänger vom Essen wegholt. Und zwei Minuten später steht Norbert Rier im rot-grauen Trainingsanzug vor mir. Ob es das ist, wovon Spatzen-Fans träumen? Wer weiß. Angenehmer Interview-Partner jedenfalls. Kann sogar Kühe melken. Und auch Land-Ei-Test bestanden: Wieviel Zitzen hat das Euter einer Kuh? Wenn sie schon immer vom Landleben singen…
Und siehe da: hier krieg ich die Deko, die ich schon bei den Lustigen Musikanten“ erwartet hatte. Es steht ein echtes Dorf auf der Bühne, erglimmt in allen möglichen Farben und Stimmungen, dazu rieselt es Konfetti und Kunstschnee. Nach der Pause sogar Heiterkeit im Publikum, denn – auf der Bühne jetzt ein riesiger Mount Rushmore, aus den Gesichtern der Kastelruther Spatzen. Das nenn ich dochmal Berg-Humor. Gut gemacht, Spatzen!
Und noch was werd ich so schnell nicht vergessen: wie eine ganze Halle tobt, während auf der Bühne sieben Salzsäulen stehen. Na gut, der (wirklich sehr gute!) Schlagzeuger hat sich bewegt, das hab ich genau gesehen. Aber am Keyboard, dacht ich lange, steht eine Schaufensterpuppe. Definiert das Gegenteil von Rampensäue, und Ihr habt die Kastelruther Spatzen. Es ist wirklich unglaublich. Nicht, dass es ein schlechtes Konzert gewesen wäre, gar nicht. Aber ein etwas ungewöhnliches eben. Norbert Rier steht unbeweglich rum, verlagert höchstens mal das Gewicht von einem aufs andere Bein. Aber das war´s auch schon. Und ich hab auch nicht bemerkt, dass er mal merklich die Miene verzogen hätte. Aber so sind sie halt, die Tiroler. Wer´s mag…
Tonight: Kastelruther Spatzen! Ich: seit Tagen am Baggern wegen Interview und Mitschneide-Erlaubnis. Bei den Lustigen Musikanten“ hab ich eine sehr nette Plattenfirma-Dame getroffen, die versprach, einen Kontakt zu den Spatzen herzustellen. Gestern kam der Anruf: Tirol sagt, Interview klappt. Um 19 Uhr hinter der Bühne!
Toll. Und die Mitschneide-Erlaubnis für ein paar Musikfetzen? Tja, keine Angaben. Sie probiert´s noch mal. Und ich dann auch, weil: es ist ja schon am nächsten Tag. Also: Handy-Nummer des Tourmanagers rausgekriegt. Auf Mailbox gesprochen. Keine Reaktion. Macht nix, hab ja Interview-Zusage, wird Rest auch schon klappen.
Heute morgen Anruf von Plattenfirma-Dame: bitte noch mal Tourmanager anrufen, der habe sein Handy jetzt an. Gesagt, getan, am anderen Ende: ein ziemlich konsternierter Tourmanager, der von der Interview-Zusage nichts wusste, weil er nicht Tirol, sprich: das Bandmanagement ist, sondern das Tourmanagement. Außerdem: vor mir noch zwei andere Gäste an der Reihe, darunter ein Fanclub. Man könne nichts versprechen, Tonaufnahmen außerdem nicht erwünscht. Naja, mal vor Ort treffen, dann schauen. Ist das toll? Ich liebe es.
Ja, das war ein schickes Konzert gestern in der Saarlandhalle. Nur in Sachen Deko hatte ich mir mehr erhofft. Denn warum guckt man denn im Fernsehen die Volksmusik-Sendungen? Wegen der Musik? Na, auch. Aber doch vor allem wegen der Deko. Da macht der Volksmusik nämlich niemand was vor. Nirgendwo ist schöner geschmückt, wachsen Berge, Dörfer, Blumen- und Weihnachtswelten im Fernsehstudio. Und wird sogar der Publikumsbereich noch von flinken Floristenhänden gewinnbringend verwandelt…
Aber hier, auf der Bühne: nur ein paar Buchsbäumchen mit Schleife und die obligatorische Videoleinwand. Auch die üblichen All Star-Medleys, eins mit Operettenmusik, eins mit Flower Power: blass und ohne Atmosphäre. Einzig gelungen: das 50er-Jahre-Medley. Ich hab viele Damen im Publikum leise mitsingen hören.
Top Act, ohne Zweifel: Gaby Albrecht. Diese Frau hat einen neuen Fan. Denn sie hat mir das lustigste und ungezwungenste Interview von allen gegeben. Wie das damals so war in der DDR: wie man sich spezielle Scheine“ erarbeiten musste, um eine bestimmte Gage pro Abend nehmen zu dürfen. Mit dem A-Schein bekam man 90 Ostmark, aber sie wollte gern gleich den AB-Schein für abendliche 105 Mark. Skurril. Und, tja, sie hat ihre Kollegen anschließend auch noch an die Wand gesungen. Lasst es Euch von einem Metallica- und Country-Fan sagen: Gaby Albrecht ist eine ganz Große!
Andy Borg war allerdings auch nicht schlecht. Hat sich erinnert an eine ganz frühe ZDF-Hitparade, 1982, wo er als Schlager-Fuzzi auf die damaligen NDW-Größen traf. Peter Schilling, Spider Murphy Gang etcetera. Manche wären nett zu ihm gewesen, andere weniger. Konkreter wollte er nicht werden.
Jantje Smit hat mich erstmal versetzt, den musste ich in der Pause interviewen. So sind sie, die jungen Leute: unprofessionell. Hat aber auch Interessantes erzählt: dass Heintje mal extrem empfindlich auf ihn reagiert habe. Wollte sich angeblich nicht mit ihm fotographieren lassen. Und war wohl auch sonst nicht eben freundlich zu einem jungen holländischen Kerl, der mit Liedern wie Mamatschi“ bei den Müttern gepunktet hat. Was mochte Heintje daran wohl nicht?
Nein, Marianne und Michael hab ich leider nur einen Tag später kurz am Sender gesehen. Zumindest über Marianne kann ich nur das Beste sagen. Sieht übrigens sehr attraktiv aus. Und ist nicht so penetrant witzig wie ihr Gatte.
Ach, und das noch: lustige Idee von den Geschwistern Hofmann, in der Saarlandhalle eine A Cappella-Nummer hinzulegen. Sicher, so konnten sie mal zeigen, dass sie wirklich und ehrlich und bittebittehörtdochselbst ganz dolle singen können. Aber man nutzt schon bei kleinen Spielstätten nicht grundlos Verstärkertechnik. Und beim Blick aufs Publikum der Lustigen Musikanten“ hab ich mich schon gefragt, wie viel die Hörgeräte davon noch rüberbringen. Naja, die Botschaft kam an: es wurde heftig geklatscht!
Das glaubt mir kein Mensch. Die Firma, die das Equipment der Lustigen Musikanten“ transportiert, heisst – Depro! Das steht jedenfalls auf den beiden Trucks, die hinter der Saarlandhalle parken, wo in ein paar Stunden Marianne und Michael, Gaby Albrecht, Andy Borg, Jantje Smit und noch ein paar mehr auftreten.
Ist das zu fassen? Die Lustigen Musikanten“ reisen mit Depro!! Och, meinte der Tourmanager. Wieso kurios? Depro sei ein sehr angesehenes österreichisches Unternehmen, das früher nur Süßigkeiten transportiert hätte. Aber mittlerweile sei man ganzjährig ins Tourgeschäft eingestiegen und fahre eben auch die Lustigen Musikanten“. So sieht´s aus.
Ach, ich wär ja für eine Verjährung bestimmter Erinnerungen: Schluß, aus, erledigt, gelöscht. Konkret: ich kann bestimmte Songs von Howard Carpendale einfach nicht genießen, weil ich sie zum ersten Mal bewusst gehört habe, als diese Sache mit dem Kannibalen von Rotenburg war. Ihr wisst schon… Besonders schlimm ist es bei Nachts, wenn alles schläft“:
Denn Du lebst weiter in mir, lässt Du mich auch allein”…
Gerade hat Olli Dittrich bei der Siebziger Show“ auf RTL erzählt, dass er früher mal für James Last ein Stück geschrieben hat. Es heisst Alassio“, und ich besitze die LP, auf der es drauf ist: “Paradiesvogel“, von 1982. Neulich beim Trödel gekauft.
Und was entdeck ich beim Reingucken? Ich besitze auch den sogenannten Waschzettel“, also das Werbe-Info der Plattenfirma. Seht mal, was da steht: Mit Oliver Dittrich und Thomas Eggert tauchen zwei neue Namen unter den Autoren auf, deren Titel James Last in seinen mustergültigen Arrangements zu Erfolg verhilft.“ Nett, nicht?
´Alassio´, dessen sanfte Gitarrenakkorde sich zum Synthie-Panorama öffnen, wirkt als wunder schöner Film ohne Bilder.“ Ach herrlich, ganz tief aus der Waschzettel-Klischee-Kiste.
Hübsch auch: Wie überhaupt die ornithologischen Titel vom Eis- und Paradiesvogel, von der Nachteule und dem Roten Milan keinen Takt lang wissenschaftlich gemeint sind, sondern zu einem Flug der eigenen Phantasie anregen.“ Gut zu wissen.
Was sieht aus wie eine Bigband, klingt aber wie eine breiige Popgruppe? Genau. Das Pepe Lienhard Orchester. Ihr seht: ich war also doch bei Udo Jürgens und durfte auch zwei Lieder mitschneiden.
Udo war gut, gibt´s kein Vertun. Aber das Orchester… Wenn ich ein Stück mit Bläsern, Rockgitarren und Synthesizer vollknalle, warum müssen dann noch vier niedliche Streicherinnen fiedeln? Die hört man da eh nicht. Überhaupt: warum nur eine einzige Cellistin unter schätzungsweise 17 Musikern? Dann kann man sich das Cello auch ganz sparen. Und warum muss Herr Lienhard neben dem Saxophon, an dem er wirklich top ist, auch noch Klarinette und vor allem Querflöte (an der er unsäglich ist) spielen?
Die Antwort, mein Freund… weiß ganz allein Udo Jürgens. Der will a) wahrscheinlich auf der Bühne den gleichen Sound wie auf CD, und da würden schon ein Keyboard und ein Drumcomputer reichen. Und b) knausert er wahrscheinlich ziemlich. Denn dass das Pepe Lienhard Orchester eigentlich eine Super-Band ist, hört man, wenn sie mal richtig swingen dürfen. Leider war das nur selten der Fall. Und noch was: wenn da schon ein Synthie auf der Bühne ist, dann stellt ihn doch einfach offen sichtbar hin. Ihn in eine Art abgehackten schwarzen Flügel zu kleiden, sieht ziemlich albern aus. Vor allem, wenn auf der Seite zum Publikum ein riesiger Roland“-Aufkleber klebt.